Interview: Mensch, wieviel Tier steckt in dir?

 

Gesprächsleitung: Hans-Martin Bürki-Spycher, Biologe, Journalist BR Bern, Juni 2019

Claude Kuhn und Simon Haller geben Einblick in die unorthodoxe Realisierung dieses neuartigen Projektes

 

Wer die Ausstellung «DAS TIER IN MIR» besucht, trifft auf Interventionen, zum Beispiel jene mit einem Hundsdreck und einer Zeitung. 

Claude Kuhn: Beides sind Medien, die Informationen enthalten. Der Zeitungsleser findet im bedruckten Papier Tagesaktualitäten, Ernährungstrends und Kontaktanzeigen. Der Hund erschnüffelt im Kot Neuigkeiten aus dem Quartier. Zum Beispiel: Die Pudel-Dame des Nachbarn ist für ein Schäferstündchen zu haben. Oder: Den Spitz aus der Parterre-Wohnung haben sie auf Billigfutter umgestellt. Unterschied der beiden Medien ist – ein Hundehaufen lügt nie.

Wir möchten gängige Denkmuster überlisten, das Publikum herausfordern – charmant, humorvoll, provokativ

Simon Haller: Wir möchten gängige Denkmuster überlisten, das Publikum herausfordern – charmant, humorvoll, provokativ. Und das tun wir, indem wir daran erinnern, dass der Mensch ein Tier ist. 

Steht denn der Mensch als Krone der Schöpfung nicht über allen Tieren?

Claude Kuhn: Von wegen «Krone der Schöpfung»! Wir mögen zwar gewisse Qualitäten haben, die ein Bandwurm wahrscheinlich nicht hat. Aber in fast allen Disziplinen gibt es Tiere, die uns haushoch überlegen sind. Unser Geruchssinn zum Beispeil ist sehr bescheiden verglichen mit dem des Aals. 

Simon Haller: In der Ausstellung tönt das dann etwa so. „Würde man einen Tropfen Parfüm in ein Gewässer geben, welches dreimal so gross ist wie der Bodensee, und täte das Ganze einmal kräftig umrühren, so würde der Aal immer noch herausriechen können, ob Chanel N°5 oder Eau de Cologne verwendet wurde.“

Claude Kuhn: Umgekehrt verweisen wir auf die tierische Seite in uns. Dass wir jemanden riechen können, kann uns gesunden Nachwuchs bescheren. Für uns riecht gut, wer ein völlig anderes Immunsystem hat. Und unterschiedliche Immunsysteme bieten beste Voraussetzungen für gesunden Nachwuchs. Überhaupt sind wir bei der Partnerwahl durch das animalische in uns gesteuert.

Auf dem Plakat zur Ausstellung ist ein Affen-Mensch-Kopf. Was hat dieses Bild auf sich?

Simon Haller: Die Genome von Schimpanse und Mensch decken sich zu gut 98%, das Hirn ist bei beiden ähnlich gross. Und wo liegt der Unterschied? Nimmt man tausend Schimpansen und tausend Menschen, so ist der Unterschied enorm. Wir Menschen können Ideen und Systeme entwickeln, an die alle Menschen glauben. Nehmen wir das liebe Geld. Sein Wert besteht einzig im Glauben daran. Schimpansen glauben nicht an Geld, haben dafür verinnerlicht, dass Bananen gut sind für das Hirn und die Reaktionsfähigkeit. Trotz dieser Leistungssteigerung können sie keinen Lift bauen, der ihnen das Klettern abnimmt.

Wie gehen Sie die Beziehung vom Mensch zum Tier an?

Claude Kuhn: Ein Pferd ohne Reiter ist ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch. Oder anders gesagt. Wir brauchen die Tiere. Die Tiere hingegen brauchen uns nicht, vielleicht mit Ausnahme der Filzlaus. Sie ist übrigens eine der Protagonistinnen in unserem Gassen-Kino im Loeb-Schaufenster. Dort sprechen acht Tiere wie Affe, Regenwurm oder Pfau über uns Menschen.

Ein Pferd ohne Reiter ist ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch.

Fotografie von Simon Haller

Claude Kuhn: Sie sehen, wir versuchen, anders an Themen heran zu gehen. Ich sage dem «subversive Bildung». Der Besucher lässt sich auf etwas ein und findet es ganz amüsant. Doch zu Hause, wenn er das Ganze noch einmal wiederkäut, merkt er plötzlich: Oha, da hat man mir ja etwas ganz anderes servieren wollen! 

Ein Zoo verändert sich mit der Gesellschaft. Früher wollten die Leute exotische Tiere sehen, die ihre Phantasie beflügelten. Danach war das Bildungsbürgertum an der Reihe. Heute hingegen, kann man unzählige Fakten zur Tierwelt googeln. Es braucht neue Ansätze.

Das ist schon ein ziemlich eigenwilliges Projekt. Gibt es sowas in einem anderen Zoo?

Simon Haller: Der Tierpark Bern geht damit neue Weg. Und zwar indem wir versuchen, die Besuchenden und die Würde der Tiere wieder näher zusammen zu bringen. Eine Würde, die sich auf die Eigenart und Bedürfnisse der Tiere bezieht und falsche Projektionen und Vorurteile listig aufdeckt. Ein Zoo verändert sich mit der Gesellschaft. Früher wollten die Leute exotische Tiere sehen, die ihre Phantasie beflügelten. Danach war das Bildungsbürgertum an der Reihe. Heute hingegen, kann man unzählige Fakten zur Tierwelt googeln. Es braucht neue Ansätze. 

Claude Kuhn: Es braucht Leute, die beseelt sind von ihrer Idee, so wie Simon und ich. Aber es braucht auch Leute, die offen sind für diese Idee, so wie Bernd Schildger. Es ist schön, wenn du mit jemandem zusammen arbeitest, der nicht kleinkrämerisch ist und dich galoppieren lässt. 

An diesem Projekt hat sich auch das Naturhistorische Museum beteiligt. Wie kam es dazu?

Simon Haller: Die beiden Institutionen funktionieren seit Jahrzehnten separat. Sieht man mal davon ab, dass die Tiere bei den einen leben und bei den andern tot sind, haben beide ähnliche Interessen. Im Naturhistorischen Museum wurde die Zusammenarbeit begrüsst. Es wurden Exponate wie der grosse Walkopf und zum Beispiel die Dienste von Professor Christian Kropf zur Verfügung gestellt. 

Claude Kuhn: Mit seinem Wissensschatz war er enorm wichtig. Bei aller Querness waren wir ja auch auf Fakten und überraschende Beispiele aus der Tierwelt angewiesen. Diese stammen übrigens zum grössten Teil von Cornelia Mainini. Als Zoopädagogin des Dählhölzli wurden ihr von Kindern schon so viele „dumme“ Fragen gestellt, dass wir bei ihr aus dem Vollen schöpfen konnten. Ein Beispiel: „Naschen Fruchtfliegen an Kaffee, beeinträchtigt das ihre Schlafqualität.“ Von diesen Schmankerln gibt es ganz viele in der Ausstellung.

Haben sich noch andere Leute an diesem Projekt beteiligt?

Simon Haller: Ja, wir haben viele Leute getroffen, die durch ihr Wissen unser Wegnetz verdichtet haben. Etwa aus dem Tierspital, aus Zahnchirurgie, Anatomie, Verhaltensforschung und Körpersprache. Ein Physiker wiederum hat uns geholfen bei der Entwicklung von Praxinoskopen. Ein System, bei dem die Bilder laufen lernten, als es den Film noch nicht gab. Zu bewundern sind diese illustrierten Drehbilder im Bärenhaus. 

Was erhoffen Sie sich von diesem Projekt?

Simon Haller: Dass sich Leute den Luxus leisten, sich kindlichen Fragen anzunehmen. Ja, wieso kriegen Moschusochsen bei den Bullenkämpfen kein Kopfweh? Oder wieso erkennen sich Affen am Arsch und nicht am Gesicht?